12.234,05 Euro – höchste Handyrechnung Deutschlands

Vor kurzem erschien in der Reportage Akte 09 ein Beitrag, der (so in etwa) mit „11.000,00 Euro – höchste Handyrechnung Deutschlands“ titelte. Nimmt man den Titel für bare Münze, so können wir nun behaupten, die höchste Handyrechnung beläuft sich nicht auf 11.000,00 Euro, sondern auf ziemlich genau 12.234,05 Euro. Sie fragen, woher wir das wissen?

Vor einiger Zeit wurden wir von einer jungen Frau mit der Wahrnehmung ihrer Interessen betraut. Die Frau arbeitet als Reinigungskraft, ist der deutschen Sprache nur sehr eingeschränkt mächtig, verfügt über nur geringes Einkommen und keinerlei Ersparnisse aber über eine Mobilfunkrechnung in Höhe von Sage und Schreibe 12.234,05 Euro.

Was war passiert? Was hat die Frau dazu getrieben, derart selbstzerstörerisch von ihrem Handy Gebrauch zu machen? Die junge Frau schloss bei einem renommierten Mobilfunktanbieter einen Mobilfunkvertrag mit Internetflatrate ab – zum monatlichen Festpreis von 25,00 Euro. Soweit so gut.

Dann aber kam der verhängnisvolle Fehler. Die junge Frau hielt sich im letzten Jahr einen Tag in den Niederlanden auf. Dort lud sie einen Film herunter, was zu einem Datentransfer von 1010MB führte. Was sie nicht wusste (weil sie wie so viele das Kleingedruckte nicht gelesen bzw. verstanden hat), war, dass hiedurch Gebühren in Höhe von 0,59 Euro/50Kb und letztlich ein Rechnungsbetrag von über 12.000,00 Euro ausgelöst wurde. Es liegt auf der Hand, dass die junge Frau äußerst schockiert war, ob der Preissteigerung von über 3000(!) Prozent. Auch das Rechtsempfinden des Juristen ist empört – zumindest meines ;-)

Es stellt sich die Frage, wie dieser Frau geholfen werden und die Empörung in rechtliche Formen gegossen werden kann.  Allgemein bekannt ist, dass die von Mobilfunkbetreibern erhobenen Auslandsgebühren bereits vor zwei Jahren von der EU-Komission als „übertrieben hoch“ gerügt wurden. Leider wurde der Datentransfer anders als die Telefonie aber bislang noch nicht gedeckelt. Es erweist sich als schwierig, ohne Hilfe des Gesetzgebers rechtlich „einen Knopf an die Sache“ zu machen.

Man könnte meinen, dass das Unterlassen klar erkennbarer Hinweise auf die existenzvernichtende Kostenfalle eine Verletzung sog. Rücksichtnahmepflichten, gemäß § 241 Abs. 2 i.V.m. § 242 BGB darstellt. Schließlich erschöpft sich ein Schuldverhältnis nicht in der Herbeiführung des geschuldeten Leistungserfolges, sondern stellt eine von Treu und Glauben beherrschte Sonderverbindung dar. Gemäß § 241 Abs. 2 BGB ist der Vertragspartner verpflichtet, das Integritätsinteresse, d.h. den vermögensrechtlichen Status quo des anderen Teils zu schützen. Zur Rücksichtnahmepflicht gehören insbesondere Aufklärungs- und Schutzpflichten. Diese könnten vorliegend in eklatanter Weise verletzt sein, da es an einem Hinweis auf die Gefahr der Existenzvernichtung durch Datentransfer im Ausland mangelt. Ein entsprechender Gefahrenhinweis kann weder den Allgemeinen Geschäftsbedingungen noch der Produktbeschreibung der im Internet aufgeführten Angebote entnommen werden. Statdessen wird geworben mit Slogans wie beispielsweise: „Unbegrenzte Möglichkeiten: Die Laptop Internet-Flat. Nutzen Sie mit Ihrem Laptop alle Vorteile des mobilen Internets und bleiben Sie überall up to date: kostenlos und ohne Limit.“ Auf die Gefahr durch (normalen) Datentransfer im Ausland in kürzester Zeit Kosten in Höhe fünfstelliger Beträge auszulösen, wird hingegen verschwiegen. Vielmehr wird durch Werbeanpreisungen wie „überall“ und „ohne Limit“ geradezu dazu aufgefordert auch im Ausland und mithin „überall und ohne Limit“ bedenkenlos zu surfen und Daten zu transferieren.

Erfolgsversprechender als eine rechtliche Auseinandersetzung scheint der Hinweis auf die Fakten (mittellos, geschäftsunerfahren, nur eingeschränkte Deutschkenntnisse, faktisch geringer Schaden, Flatrate-Vertrag, Preissteigerung von 3000 Prozent, Existenzvernichtung, Kulanz von Wettbewerbern in gleichgelagerten Fällen) und die Hoffnung auf die Herbeiführung einer Einigung auf Kulanzbasis. Noch dazu fand sich ein Freund der jungen Frau, der bereit war, dem Mobilfunkanbieter ein Viertel des Rechnungsbetrages zu bezahlen. Eine gute Ausgangsbasis für eine gütliche Einigung, will man meinen.

Der Mobilfunkanbieter antwortet hierauf lapidar:

[…] wir haben die Rechnung Ihrer Mandantin […] geprüft und konnten keinen Fehler finden. Es ist richtig, dass derzeit die Diskussion über Roamingkosten europaweit geführt werden. Dennoch hat […] unsere Preisliste anerkannt und eine andere Berechnung ist uns nicht möglich. […]

Eine andere, weniger existenzvernichtende Berechnung ist also nicht möglich.

Vor Kurzem hat eben dieser Mobilfunkanbieter die Preisliste für Auslands- und Roamingverbindungen aktualisiert und bietet nunmehr sog. Reisevorteilstarife (auch in die Niederlande) an. Die Preise wurden in diesem Zuge um immerhin 50 Prozent reduziert, von 0,59Euro/50Kb auf nunmehr ca. 0,29Euro/50Kb.

(sjm)

 
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14 Kommentare zu “12.234,05 Euro – höchste Handyrechnung Deutschlands”

  1. Matthias Spielkamp
    11. März 2009 23:33
    1

    Und – ist das das Ende der Geschichte, oder geht es vor Gericht? Ich wünsche es mir schon sehr, dass ein solches Geschäftsgebahren bestraft wird.

  2. Kand.in.Sky
    12. März 2009 07:11
    2

    mir wunderts, dass noch niemand diese falschen Flatrates die keine sind erfolgreich abgemahnt und somit ein wenig eingedämmt hat.

    #k.

  3. sjm
    12. März 2009 10:51
    3

    Nein, ein Ende der Geschichte ist bislang noch nicht in Sicht. Wir werden aber selbstverständlich über den Ausgang berichten…

  4. false
    12. März 2009 14:15
    4

    Meine Freundinn hat es auf fast 14000 Euro im Jahre 2008 und das sogar mit Inlandsverbindung „geschafft“. Die Nutzung des Handys erfolgte als Modem. Vom Rechnungsbetrag wurde nach Ruecksprache komplett abgesehen.

  5. SJM
    12. März 2009 14:19
    5

    das war dann wohl einer der kulanten Mitwettbewerber…

  6. false
    12. März 2009 14:22
    6

    Es war schlichtweg DER deutsche altbekannte Anbieter.

  7. Karin Möhlenkamp
    12. März 2009 17:04
    7

    Ich habe im Rehmen meiner Tätigkeit bei der Verbraucherzentrale einen Verbraucher, der es in fünf Tagen Aufenthalt in GB nach einem 8-stündigen Arbeitstag auf einen Rechnungsbetrag von 278oo Euro gebracht hat durch Nutzung von web and walk. Der Anbieter bietet „kulanterweise“ Teatenzahlung an.

  8. Karin Möhlenkamp
    12. März 2009 17:05
    8

    sorry, muss natürlich Teilzahlung heißen.

  9. SJM
    12. März 2009 17:30
    9

    Für die Führung eines Musterprozesses stehen wir gerne bereit ;-)

  10. IP|Notiz - 12.234,05 Euro - höchste Handyrechnung Deutschlands Teil 2
    31. März 2009 11:40
    10

    […] Wir haben bereits über die höchste Handyrechnung Deutschlands und die damit einhergehenden Querelen mit einem Mobilfunkanbieter berichtet. […]

  11. Sandro
    15. November 2009 18:40
    11

    am besten alle abknallen diese halsabschneider… aber irgent wann wird da noch einer amok laufen wegen dieser betrügereien und den ganzen verarschen der arschlöcher! ich habe immer niedrige handyrechnungen ;) aber ich habe das hier gelesen und musste meinen senf dazu geben . in sovielen sachen werden einem kosten verschwiegen. ich sage nur kabel deutschland. dort habe ich mir internet besorgt und anstatt der versprochenen 12,50€ im monat waren es im ersten monat knapp 90€ und danach die weiteren monate 28€. das die einem nicht von vorn herein sagen können was man zahlen muss… aber nein bis man wirklich weis was man zahlen muss muss man die erste rechnung abwarten :P mich regt das so auf. wenn ich reich wäre würde ich mir die besten anwälte besorgen und mal richtig gegen diese betrüger vor gehen. tschüss

  12. Die höchste Handyrechnung der Welt
    6. März 2014 10:40
    12

    […] (Quelle: ip-notiz.de) […]

  13. Urlaubszeit - Roamingzeit - auch beim mobilen Internet - Smartphone Tarife Vergleich
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    […] höchste uns bekannte Rechnung für die Smartphone Nutzung im Ausland beläuft sich in Deutschland auf 12.234,05 €. Dass man, wie in dem Fall durch die […]

  14. Das sind 5 der höchsten Handyrechnungen der Welt | Die besten Smartphone- und Handy-Tarife
    15. März 2018 09:12
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