IP|Rezension: Damian Thompson, Counterknowledge

Damian Thompson ist Journalist, Soziologe und wütend. Es scheint, als würde sich auch aus diesen drei Quellen sein Entschluss gespeist haben, dieses Buch zu schreiben. Es geht um das so genannte „Counterknowledge“. Unter diesem englischen Neologismus fasst man das Wissen zusammen, das eigentlich keines ist, im Internet und den Medien unserer Zeit aber schnelle und umfassende Verbreitung findet: Verschwörungstheorien, obskure alternative Medizin, erfundene Geschichte wie der Da Vinci Code und sein Vorläufer, Die Erben des Heiligen Grals.

Counterknowlede muss heute als globales medienpolitisches Problem von Bedeutung angesehen werden, das wird durch Lektüre dieses Buches deutlich. Hier geht es nicht nur um die Nachbarin, die sich in die Hände zweifelhafter Detox-Therapeuten begibt, sondern auch um politische Dimensionen wie etwa muslimisches „Gegenwissen“ – Thompson zitiert eine Studie, nach der über 90 Prozent der Muslime weltweit die Evolutionstheorie ablehnen – und auch die bewusste Fälschung unserer Geschichte, die politischen Ideologen in die Hände spielt, wie bei dem erfolgreichen Buch 1421. Als China die Welt entdeckte der Fall.

Der Autor spürt den verschiedenen Phänomenen der Counterknowledge nach und zeigt deutlich auf, welch gesellschaftliche und politische Sprengkraft die Verbreitung dieses Pseudowissen haben kann, etwa anhand der HIV-Politik Südafrikas, die stark von der Vitaminpräparatslobby beeinflusst ist und wohl vielen Menschen das Leben gekostet hat.

Zugleich legt der Soziologe von der LSE dar, wie Counterknowledge funktioniert. Wie schaffen es seine Akteure, News zu erzeugen mit blankem Unsinn, wie überzeugen sie vor allem auch ihre Klientel? Diese Entlarvung der angeblichen Wissenschaftler und auch der Buch- und Zeitschriftenverlage, die sich als deren willfährige Helfer entpuppen, ist überzeugend, spannend und auch noch unterhaltsam zu lesen – was auch den einzigen Schwachpunkt des Buches darstellt. Die Polemik des Buches schlägt die Pseudowissenschaftler mit ihren eigenen Waffen, lässt aber gleichzeitig, trotz umfangreicher Quellenangaben, Zweifel an der Objektivität des Autors aufkommen, was für einen Wissenschaftler zumindest eine hinterfragenswerte Option darstellt. Aber, wie schon der Guardian in einer Rezension schloss: Desperate times call for desperate measures.

Damian Thompsons Buch ist bisher in Deutschland noch nicht veröffentlicht. In England liegt es bereits in jedem Waterstone´s aus, es ist aber auch über Amazon.de in englischer Sprache erhältlich.

(cen)

Damian Thompson, Counterknowledge, € 17,99, 1. Auflage, 2008, Atlantic Books, 176 Seiten, ISBN 978-1843546757

 
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