IP|Experten: Ich geb´s weg

von Cory Doctorow

Die Expertennotizen von IP|Notiz sollen ein Forum für Experten im sogenannten “Grünen Bereich” und daran angschlossenen Rechtsgebieten bilden. Unser Ziel ist, damit den öffentlichen Austausch in unserem Rechtsgebiet zu fördern und Praxis und Wissenschaft aneinander anzunähern.

Ich hab meine Bücher weggegeben seit ich meinen ersten Roman veröffentlicht habe, und es hat mich verdammt reich gemacht.

Als mein erster Roman, Down and Out in the Magic Kingdom, bei Tor Books im Januar 2003 erschienen war, habe ich außerdem den gesamten elektronischen Text des Romans unter einer Creative Commons Lizenz ins Internet gestellt. Diese Lizenz ermutigt die Leser, das Buch so viel zu kopieren wie sie können. Innerhalb eines Tages verzeichnete ich 30.000 downloads von meiner Seite (und auch diejenigen, die diese downloads gemacht haben, konnten das Buch weiter kopieren). Drei Jahre und sechs Auflagen später sind mittlerweile über 700.000 Kopien des Buches herunter geladen worden. Das Buch wurde in so viele Sprachen übersetzt, dass ich die Übersicht mittlerweile verloren habe. Kernkonzepte des Buches wurden mittlerweile in Softwareprojekten weiterverwertet und es gibt zwei Fanprojekte online, die Audio-Adaptionen des Buches umsetzen.

Die meisten Leute, die das Buch herunter geladen haben kaufen es letzten Endes nicht. Aber sie hätten es ohnehin nicht gekauft, also habe ich keine Käufer verloren, aber trotzdem ein Publikum gewonnen. Eine kleine Minderheit der Leser nutzt das e-book als vollwertigen Ersatz für das gedruckte Buch – diese Käufer habe ich verloren. Aber eine deutlich größere Minderheit sieht das Buch als Anreiz, sich die gedruckte Version zu kaufen. Diese Käufer habe ich hinzugewonnen. So lange diese gewonnen Käufer mehr sind als die, welche ich verliere, habe ich die Nase vorn. Letztlich kostet es mich nichts, knapp eine Millionen Kopien meines Buches unter die Leute zu bringen.

Die interessante Sache an e-books ist, dass sie eine soziale Angelegenheit sind. Sie laden dazu ein, sie an Freunde zu kopieren, von Palm zu Palm oder in Maillisten zu versenden. Das e-book bettelt darum, in lustigen Signaturen am Ende der Email zweitverwertet zu werden. Es ist so biegsam und anpassungsfähig, dass es alle Bereiche deines Lebens berührt. Nichts ist ein so guter Kaufanreiz für ein Buch wie eine persönliche Empfehlung – als ich in einem Buchladen arbeitete war das Beste, was wir hören konnten die süßen Worte „mein Freund/meine Freundin hat mir geraten, ich soll mir folgendes Buch zulegen…“ Diese/r Freund/in hat diesen Verkauf für uns getätigt. Wir mussten ihn nur noch zu Ende führen. In einer Welt von Online-Freundschaft, ein e-book übertrumpft tote Bäume bezüglich Mund-zu-Mund Propaganda.

Es gibt zwei Dinge, die ich von Schriftstellern über dieses Arrangement gefragt werde: zum einen, verkauft es mehr Bücher und zum anderen, wie hast Du Deinen Verleger von dieser verrückten Idee überzeugt?

Es gibt keine empirische Möglichkeit zu beweisen, dass das Weggeben von Büchern mehr Bücher verkauft – aber ich habe diesen Weg mit drei Romanen und einer Sammlung von Kurzgeschichten beschritten (und ich werde es mit zwei weiteren Romanen und einer weiteren Sammlung von Kurzgeschichten machen), und meine Bücher haben jedes mal die Erwartungen meines Verlegers überboten. Wenn ich die Verkaufszahlen mit jenen meiner Kollegen vergleiche, deutet vieles darauf hin, dass sie etwas besser laufen als andere Bücher von ähnlichen Autoren an ähnlichen Phasen ihrer Karriere. Aber außer zurück in der Zeit zu reisen und dieselben Bücher unter denselben Umständen ohne das freies-e-book Programm zu Veröffentlichen, gibt es keine Möglichkeit, sicher zu sein.

Sicher ist hingegen, dass jeder Schriftsteller, der versucht hat, e-books umsonst wegzugeben um Bücher zu verkaufen am Ende zufrieden war und bereit es, dies weiterhin zu tun.

Wie habe ich es geschafft, Tor Books zu überzeugen, das zu machen? Es ist nun nicht so, dass Tor so eine dotcom-upstart-Klitsche wäre. Sie sind der größte Verleger von Science Fiction in der Welt, und sie sind eine Tochterfirma des deutschen Verlegergiganten Holzbrinck. Das sind keine nach Patchouli duftenden Info-Hippies, die glauben, Information wolle frei sein. Vielmehr sind sie Sachverständige in Sachen Science Fiction, des wohl sozialsten aller literarischen Genres. Science Fiction wird angetrieben von organisierten Fans, Freiwilligen, die hunderte von Literaturconventions in jedem Winkel der Welt veranstalten, an jedem Wochenende des Jahres. Diese unerschrockenen Promoter behandeln Bücher als konstituierenden Teil ihrer Persönlichkeit und als kulturelle Artefakte höchsten Ranges. Sie tragen das Evangelium der Bücher die sie lieben in die Welt, formen Subkulturen um sie, zitieren sie in politischen Diskussionen, manchmal arrangieren sie ihr Leben und ihre Arbeit um diese Werke herum.

Mehr noch, die early adopter aus der Science-Fiction Szene haben die Art und Weise, wie Sozialkontakte im Internet stattfinden, definiert. Wenn man die hohe Übereinstimmung zwischen Science Fiction Leserschaft und Menschen mit technischen Berufen berücksichtigt, war es unausweichlich, dass die ersten nicht-technischen Diskussionen im Netz sich um Science Fiction drehen würden. Die Online-Normen von unwichtigem Gequatsche, fanartiger Organisationsweise, Veröffentlichung und Freizeit sind Nachkommen von Science Fiction Fantum, und wenn irgendeine Literaturgattung ein natürliches Zuhause im Cyberspace hat, dann ist es Science Fiction, die Gattung, die den Begriff „Cyberspace“ selbst erfunden hat.

In der Tag, Science Fiction war die erste Form von Piraterieliteratur online, durch„bookwarez“-Kanäle, die handgescannte Bücher enthielten, gescanned Seite für Seite, dann in digitalen Text umgewandelt und Gegengelesen. Sogar heute, die meistverbreiteten Piratentexte im Netz sind SF.

Nichts könnte mich freudiger in die Zukunft blicken lassen. Als der Verleger Tim O´Reilly in seinem Essay Piracy is Progressive Taxation schrieb, „gepirated zu werden [ist] eine adelnde Errungenschaft.“ Ich würde meine Zukunft lieber in eine Literaturzunft investieren, für die Leute so stark empfinden, dass sie dafür stehlen als mein Leben in eine Gattung zu investieren, die keinen Platz im Leitmedium unserer Jahrhunderts hat.

Wie sieht´s aus mit dieser Zukunft? Viele Schriftsteller fürchten, dass in der Zukunft elektronische Bücher die herkömmlichen mehr und mehr ersetzen werden, aufgrund von sich änderndem Publikum und einer sich ständig entwickelnden Technologie. Ich bin da skeptisch – das Kodex-Format hat Jahrhunderte überdauert als simple und elegante Antwort auf die Dinge, die Drucktechnologie benötigt, allerdings nur für einen relativ kleinen Teil der Bevölkerung. Die meisten Leute sind keine Leser und werden es niemals sein – aber Leute die Leser sind, werden für immer Leser sein und die sind auf jeden Fall ganz scharf auf Paper.

Aber sagen wir, es kommt so, dass elektronische Bücher alles sind, was die Menschen wollen.

Ich glaube nicht, dass es praktisch ist, für Kopien elektronischer Bücher Geld zu verlangen. Bits werden niemals schwierig zu kopieren sein. Also müssen wir uns überlegen, wie wir für etwas anderes Geld verlangen können. Das heißt nicht, dass man kein Geld für ein kopierbares Bit verlangen kann, aber man kann einen Leser sicherlich nicht mehr zwingen, für den Zugang zu Information zu zahlen.

Dies ist nicht das erste Mal, dass Kreativunternehmer Veränderungen am Markt erfahren. Vaudeville-Künstler mussten sich an das Radio anpassen, eine abrupte Abkehr von einer totalen Kontrolle des Publikums (wer nicht zahlt, fliegt raus) hin zu überhaupt keiner Kontrolle (jede Familie, deren Zwölfjähriger einen Empfänger bauen konnte, das damalige Äquivalent zu Filesharing-Software, konnte mithören).Es gab Geschäftsmodelle für das Radio, aber sie a priori vorauszusagen war nicht leicht. Wer hätte vorhersehen können, dass die große Zukunft des Radios darin liegen würde, eine Pauschallizenz zu kreieren, einen Genehmigungsbeschluss des Kongresses zu erwirken, eine Verwertungsgesellschaft zu beauftragen und eine neue Form von Statistik-Mathematik zu entwickeln, um diese zu finanzieren?

Eine Zukunft des Verlegens vorherzusagen – sollte der Wind sich drehen und gedruckte Bücher überflüssig werden – ist genauso schwer. Ich weiß nicht, wie Schriftsteller in einer solchen Welt Geld verdienen würden Aber was ich weiß, ist, dass ich das nie herausfinden werde, indem ich dem Internet den Rücken zuwende. Indem ich mich in der Mitte des elektronischen Publizierens befinde, indem ich abertausende meiner Leser dabei beobachte, was sie mit meinen e-books tun, erlange ich weit mehr Erkenntnisse über den Markt als auf irgendeine andere Weise. Das gilt auch für meinen Verleger. So ernst es mir damit ist, meine absehbare Zukunft als Schriftsteller zu verbringen, so ernst ist es auch Tor Books und Holtzbrinck. Für sie ist es noch viel wichtiger, die Zukunft des Verlegens zu verstehen als für mich. Als ich also mit dem Plan an sie herantrat, meine Bücher wegzugeben, um sie zu verkaufen, mussten sie nicht weiter nachdenken.

Es ist auch ein gutes Geschäft für mich. Diese „Marktanalyse“ durch das weggeben von e-books initiiert Buchverkäufe. Zudem eröffnet die Bekanntheit meiner Bücher mir viele neue Möglichkeiten, Geld durch Aktivitäten um mein Schreiben herum zu verdienen, so wie mein Fulbright Chair den ich an der USC dieses Jahr bekommen habe, Vortragsanfragen und andere Möglichkeiten zu Lehren, Schreiben und meine Arbeit für Übersetzung und Bearbeitung zu lizenzieren. Das nimmermüde Werben meiner Fans für meine Arbeit verkauft mir nicht nur Bücher – es verkauft mich.

Das goldene Zeitalter, als hunderte von Autoren von nichts als ihren Tantiemen gelebt haben, ist Humbug. Immer haben Schriftsteller sich durch normale Jobs abgesichert, durch Lehren, durch Förderungen, durch Erbschaften, Übersetzungen, Lizenzierung oder verschiedensten anderen Quellen, um letztlich über die Runden zu kommen. Das Internet verkauft nicht nur mehr Bücher für mich, es gibt mir auch die Möglichkeit, Geld mit Tätigkeiten zu verdienen, die mit dem Schreiben in Beziehung stehen.

Es hat noch nie eine Zeit gegeben, wo mehr Leute mehr Wörter von mehr Autoren gelesen haben. Das Internet ist eine literarische Welt geschriebener Worte. Was für eine schöne Sache das doch ist für Autoren.

Cory Doctorow ist Blogger bei www.boingboing.com. Seine eigene Website ist unter www.craphound.com zu erreichen. Er gilt als einer der bedeutensten Meinungsmacher des Internets und ist überdies Verfasser verschiedener erfolgreicher Science-Fiction Romane, die er kostenlos als e-book zur Verfügung stellt. Sein neuestes Buch, Little Brother, ist eben auf Englisch erschienen. Alle seine Texte, so auch dieser (in der Übersetzung von Christoph Endell), veröffentlicht er unter der Creative Commons-Lizenz CC-BY-NC-SA.

 
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2 Kommentare zu “IP|Experten: Ich geb´s weg”

  1. Cory Doctorow: Ich geb´s weg - Nerdcore
    8. Mai 2008 14:32
    1

    […] Link […]

  2. IP|Notiz -
    3. Mai 2009 22:02
    2

    […] Mehr zu dem Thema hat Doctorow unter anderem hier geschrieben. […]

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