IP|Rezension: Gerd Hansen, Warum Urheberrecht?

Diese Rezension ist ursprünglich für die Kollgen von irights.info entstanden und wir hier jetzt noch einmal sekundärverwertet.

Gerd Hansen, Jurist, Tagesspiegel-Journalist und Akteur in der derzeitigen Diskussion um das geistige Eigentum im digitalen Zeitalter legt mit seiner Dissertation einen gewichtigen Beitrag zu dieser Problematik vor. Der Max-Planck-Stipendiat stellt mit seinem Buch eine Säule des deutschen, des kontinentalen Urheberrechts in Frage: die urheberzentrierte Sichtweise des droit d´auteur.

Zunächst statuiert der Autor eine Legitimationskrise des Urheberrechts. Der Digitalisierung unserer Gesellschaft und den damit sich ergebenden Fragen des Wissensmanagements und Urheberrechts werde durch den Gesetzgeber „urheber- bzw. in erster Linie verwerterorientiert“ begegnet. Im Gleichklang mit einem immer stärker ausufernden Urheberrecht und den Veränderungen einer digitalen Welt sowie auch den von diesem Modell abweichenden europäischen Richtlinien ist das Urheberrecht in eine Glaubwürdigkeitskrise geraten: es sei daher Zeit, postuliert Hansen, zur Stärkung der Legitimation des Urheberrechts den Nutzerschutz stärker in den Blickpunkt der urheberrechtlichen Abwägung zu rücken. Der Nutzer, an den Hansen dabei insbesondere denkt, ist der neue, aktive Nutzer digitaler Werke. Dieser Nutzer, der sich oft auf der Grenze zwischen Nutzung und eigener Schöpfung bewegt, dürfte ein neues dauerhaftes Phänomen auf dem Feld des Urheberrechts darstellen, das durch die Legislative bisher nicht ausreichend wahrgenommen wird.

Der klassische Ansatz des kontinentaleuropäischen Urheberrechts ist nach dieser Überlegung also nicht mehr zeitgemäß. Hansen macht sich daher auf, eine neue, erweiterte rechtstheoretische Begründung des Urheberrechts zu finden. Eine Alternative zum indiviualistischen kontinentaleuropäischen Modell findet Hansen in den kollektivistischen Überlegungen, die das angelsächsische Urheberrecht prägen. Deren Prinzip, die gesamtgesellschaftlichen Folgen in die Kalkulation mit einzubeziehen scheint dabei geeigneter, die Krise des Urheberrechts zu überwinden. Hansen entschließt sich dann allerdings zu einem integrierten Modell aus kontinentaleuropäischen und angelsächsischen Ansätzen, das der ohnehin zu beobachtenden Konvergenz dieser beiden Modelle folgt.

Brennpunkt dieser Überlegungen ist für Hansen das Ideal einer partizipativen und offenen Kultur, barriere- und erlaubnisfrei, aber nicht unbedingt kostenfrei. Im Spannungsfeld der Beziehung zwischen Urheberschutz und Nutzerschutz soll sich das Gesetz von diesem Normzweck leiten lassen. Die konkreten Konsequenzen werden in Kapitel 5 des Buches deutlich: Neben der neu gewonnen Akzeptanz durch die Öffentlichkeit würde der Normzweck die Auslegung der aktuellen sowie natürlich auch die Gestaltung der künftigen Normen entscheidend beeinflussen. Hansen unterbreitet hier auch einen Abriss von Vorschlägen, welche konkreten Folgen seine Überlegungen in der Praxis haben könnten, etwa die Verkürzung der Schutzfristen bei kostenpflichtiger Verlängerung, wie auch schon von etwa Lessig angedacht oder eine reformierte Schrankensystematik.

Die Ziele dieses Buches sind hoch gesteckt, es geht um eine grundlegende Neuausrichtung des Urheberrechts. Wie schwer dieses Unterfangen in der Praxis sein dürfte – allein schon internationale und europäische Regelungen stehen dem entgegen, ganz zu schweigen von den Bedenken gewichtiger politischer Interessengruppen – ist Gerd Hansen natürlich bewusst. Das Verdienst dieser überaus umfangreichen Arbeit ist es, dennoch das Neudenken gewagt zu haben. Es wird spannend sein zu beobachten, welche Kraft Hansens Überlegungen in der Praxis entfalten werden.

Gerd Hansen: Warum Urheberrecht? Die Rechtfertigung des Urheberrechts unter besonderer Berücksichtigung des Nutzerschutzes, Nomos Verlag, 2009, 497 S. Broschiert, 114,- €, ISBN 978-3-8329-4195-6

 
Post2PDF

Kommentar abgeben: