Zum Autentizitätsversprechen der Fotographie

Heute haben wir das „Ron Sommer“-Urteil des BVerfG in der Hand gehabt (Az. 1 BvR 240/04). Eine kurze Zusammenfassung: Sommer, damals Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom, ging dabei gegen eine Zeitung vor, die im Rahmen einer Karikatur ein Foto seines Gesichts dezent bearbeitet hatte. Eine etwas ungesundere Hautfarbe und leicht verzerrte Züge wurden so hinzugefügt, dass es auf dem Foto unvorteilhaft aussah, ohne dass die Veränderung ins Auge gesprungen wäre.

Das BVerfG sah darin eine „unwahre Tatsachenbehauptung“, denn: „Fotos suggerieren Authentizität.“ Wer also ein Foto abdruckt (auch, wenn dies in einem satirischen Kontext geschieht) und dieses bearbeitet ist (aber nicht so, dass es vollkommen offensichtlich ist), der behauptet, dass die Person so aussehe, wie das Foto suggeriert. Es drängt sich allerdings die Frage auf, wie lange eine solche Rechtssprechung noch haltbar ist. Wann ist der Punkt erreicht, an dem Bilder durch den Konsumenten so hinterfragt werden, dass der Gedanke des BVerfG nicht mehr aufrecht zu erhalten ist? Ist das Authentizitätsversprechen der Fotographie und des Videos am Ende schon Geschichte? Sehen Sie sich beispielsweise diese „UFO-Aufnahmen“ auf YouTube an, die geradezu meisterhaft erstellt worden sind. Aufnahmen wie diese, aber auch die standardmäßig nachbearbeiteten Bilder in Magazinen und Zeitungen haben unseren Glauben an die Wahrhaftigkeit der Abbildung nachhaltig erschüttert. So, wie wir auch einem Maler nicht die Abbildung der Wahrheit unterstellen, nicht einmal in der Kunstform des Portraits, so entwickelt sich mit zunehmender Perfektion und Häufigkeit der Nachbearbeitungen von Fotoaufnahmen auch unsere Einschätzung jener Technik in diese Richtung. Wir erinnern hier auch an die Bilder der Künstlerin Alison Jackson, die uns mit ihren Doppelgänger-Aufnahmen auf eben die Problematik der artifiziellen Wahrheit aufmerksam macht. Wer glaubt heute noch den Bildern vollkommen, die er im Fernsehen oder in der Zeitung sieht (und wie lange noch)? Ein Verfassungsrichter?

(Falls Sie sich wundern, was die alte Aufnahme aus den vierziger Jahren oben bedeuten soll, klicken Sie doch mal diesen link an)

(cen)

 
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